Wolf: Abschüsse helfen weder Nutz- noch Wildtieren

Wolf: Abschüsse helfen weder Nutz- noch Wildtieren

Weiter rückläufige Risszahlen

Der Wolf, eines der erfolgreichsten Artenschutzprojekte, wird mutwillig gefährdet. Foto: Steve/Pexels

Die Politik will den Wolf wieder bejagen lassen. Sie folgt damit populistischen Einflüsterungen, warnen Experten, und erreichen das Gegenteil des Gewünschten.

Trotz stabil-stagnierendem Bestand des Wolfes in Deutschland ist die Anzahl gerissener Herdentiere im vergangenen Jahr um ein Viertel zurückgegangen. Das zeigen die aktuellen Zahlen der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW). Bereits im Frühjahr waren rückläufige Risse gemeldet worden.

Und doch soll der Wolf gleichzeitig ins Bundesjagdgesetz aufgenommen werden. Was nichts weniger heißt, dass das geschützte Tier unter bestimmten Bedingungen wieder geschossen werden darf.

„Konsequenter Herdenschutz ist der Schlüssel zum Erfolg“

Der Verband Wildtierschutz Deutschland kritisiert dies als faktenfern und populistisch: "Die Zahlen belegen eindeutig: Nicht der Abschuss, sondern konsequenter Herdenschutz ist der Schlüssel zum Erfolg", sagt Lovis Kauertz, Vorsitzender von Wildtierschutz Deutschland. Studien aus vielen Ländern zeigten zudem, dass es keinen Zusammenhang zwischen Bejagungsintensität und Risshäufigkeit gäbe.

Bereits im November hatte James Brückner, Leiter des Wildtierreferats beim Deutschen Tierschutzbund, den Gesetzentwurf kritisiert: „Die neuen Zahlen widerlegen einmal mehr das Schreckensbild vom ‚explodierenden Wolfsbestand‘. Der Wolf hat in Deutschland seinen Platz gefunden – und das ist ein Erfolg des Artenschutzes.“ Es gäbe keinerlei fachliche Grundlage, den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen oder seine reguläre Bejagung zu fordern. Brückner weiter: „Solche Vorschläge sind rein politisch motiviert und gefährden die Akzeptanz des Artenschutzes.“

Abschuss kontraproduktiv für den Schutz von Nutz- und Wildtieren

Wildtierschutz Deutschland kritisiert insbesondere die 20-Kilometer-Radius-Regel und die Option, ganze Wolfsrudel wahllos zu „entnehmen“ als willkürlich. Die Radius-Regelung erhöhe das Risiko, einen unbeteiligten Wolf zu treffen. Die optionale Entnahme ganzer Rudel auf bloßen Verdacht sei nicht rechtskonform und widerspräche geltendem EU-Recht, so Lovis Kauertz: „Der Abschuss schon eines einzigen adulten Rudelmitglieds reduziert den Erhalt des Rudels signifikant und kann dazu führen, dass orientierungslose Jungwölfe erst recht Wildtiere reißen.“

Der Verband fordert die Bundesregierung auf, das Augenmerk auf „echte Lösungen zu legen“ und den Referentenentwurf zur Aufnahme des Wolfes in das Bundesjagdgesetz zu begraben. Es gelte insbesondere, Herdenschutzmaßnahmen  unbürokratisch zu fördern – auch in aktuell noch nicht besetzten Habitaten – sowie die Weidetierhalter besser zu beraten. Gerade in Schleswig-Holstein gibt es hier noch reichlich Nachholbedarf, wie Zahlen schon im Frühjahr nahelegten.

„Der vorliegende Entwurf ignoriert naturschutzfachliche und rechtliche Fakten, denen zufolge der Wolf nicht ins Jagdrecht gehört“, fasst Kauertz zusammen.

In Schleswig-Holstein wurden zwei Wölfe überfahren

Eine weitere Gefahr für den nach wie vor fragilen Wolfsbestand zeigte sich vergangene Woche erneut auch in Schleswig-Holstein: Innerhalb von nur drei Tagen waren zwei Wölfe Opfer des Straßenverkehrs geworden. Ein Wolfsrüde wurde am vergangenen Freitag, 5. Dezember auf der B206 nahe Bark (Kreis Segeberg) überfahren. Das Tier gehört wahrscheinlich zum Segeberger Wolfsrudel. Einen Totfund machte die Polizei am folgenden Sonntag nahe der Ausfahrt Barsbüttel an der Bundesautobahn 1 im Kreis Stormarn. Dort handelt es sich mutmaßlich um einen zweijährigen, weiblichen Wolf. Beide Tiere wurden zur eingehenden Untersuchung ins Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung nach Berlin gebracht.

Der Wolf, eines der erfolgreichsten Artenschutzprojekte der vergangenen Jahrzehnte in Deutschland, hat Besseres verdient, als elendig auf der Straße oder im Fadenkreuz von Jägern zu enden. Zumal das Problem der Nutztierrisse offensichtlich pragmatisch handhabbar ist und der Bestand des Wolfes eben nicht explodiert. Die politischen Entscheidungsträger:innen sollten zu Ratio und Vernunft zurückfinden. Und nicht populistische Slogans bedienen.
Frank Behrens

 

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