Wie wird die Milchkuh gehalten?

Wie wird die Milchkuh gehalten?

Verbot in Niedersachsen entfacht Debatte um Anbindehaltung

Schwarzbunte Kühe in sommerlicher Weidehaltung. Foto: Matthias Zorner/Pexels

Niedersachsen beschließt das stufenweise Aus der Anbindehaltung für Rinder. Wie reagiert Schleswig-Holstein?

Nach dem Verbot der Anbindehaltung für niedersächsische Rinder wird das Thema nun auch in Schleswig-Holstein wieder diskutiert. Auch wenn hier nur noch wenige Höfe auf diese veraltete und eindeutig tierschutzwidrige Form der Rinderhaltung zurückgreifen.

Statistiken zufolge wurden bereits 2020 – also vor sechs Jahren – nur noch 4,2 Prozent der Rinder in Schleswig-Holstein zumindest saisonal – also in den Wintermonaten – angebunden gehalten. In Niedersachsen dagegen waren es immerhin noch 6,8 Prozent. Es ist davon auszugehen, dass diese Zahlen mittlerweile noch weiter gesunken sind. Den Anteil der ganzjährig angebundenen Rinder schätzte das Thünen-Institut bereits 2010 für Schleswig-Holstein auf nur noch ein Prozent (Niedersachsen: drei Prozent). Zum Vergleich: In Bayern lag diese Zahl zum damaligen Zeitpunkt noch bei rund 40 Prozent.

Anbindehaltung ist rückläufig

Wenn man jedoch den relativ hohen Rinderbestand in Niedersachsen in Rechnung stellt – 2020 waren es rund 170.000 Tiere – stellte unser südlicher Nachbar nach Bayern zehn Jahre später bundesweit aber sogar das zweitgrößte Anbindekontingent. Noch heute soll es im Land zwischen Nordsee, Elbe und Harz mehr als 1.000 landwirtschaftliche Betriebe geben, die diese Form der Rinderhaltung praktizieren. Insofern ist es höchste Zeit, dass Niedersachsen nun handelt.

Laut Erlass der grünen niedersächsischen Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte soll in spätestens neun Jahren ganz Schluss sein mit dem Anbinden von Rindern. Auch in sogenannten hybriden oder saisonalen Haltungsformen. So hatte es auch die Facharbeitsgruppe Rinder des Niedersächsischen Tierschutzplans für nachhaltige Nutztierhaltung gefordert. Auch wenn aus Tierschutzsicht eine kürzere Übergangsfrist im Sinne der jetzt betroffenen Tiere wünschenswert wäre, ist Niedersachsens Schritt ein wichtiges Signal für die restlichen Bundesländer – insbesondere Bayern und Baden-Württemberg, wo Anbindehaltung anteilig auch heute noch am stärksten vertreten ist – sowie für die Bundesregierung.

„Verbot der Anbindehaltung ist überfällig“

„Statt vergeblich auf den Bund zu warten, zeigt Niedersachsen, wie es geht“, sagt Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes: „Jetzt müssen die anderen Bundesländer nachziehen - das Ende der tierschutzwidrigen Anbindehaltung ist längst überfällig!“

Von den landwirtschaftlichen Lobbyverbänden wird immer wieder ins Feld geführt, dass nur noch sehr kleine Betriebe Rinder anbinden und diese Höfe sich eine Umrüstung, geschweige denn den Bau eines Laufstalls nicht leisten könnten. Ein komplettes Verbot der Anbindehaltung würde somit das Höfesterben, gerade das der kleinen traditionellen, beschleunigen.

Zwar ist dieses Argument nicht gänzlich von der Hand zu weisen. Auf der anderen Seite jedoch berücksichtigt diese Argumentation das Tierwohl überhaupt nicht. Denn jedes einzelne angebundene Rind, und sei es auch nur über den Winter, ist eines zu viel. Das wissen auch die Tierärzte. Anlässlich der „Grünen Woche“ in Berlin hatten sie sich im Januar in einem offenen Brief an den aus Bayern stammenden Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) gewandt und ein Ende der Anbindehaltung von Rindern gefordert. Als Tiermediziner sei es ihre Pflicht, auf das Leid von Tieren hinzuweisen, so ihre Argumentation.

Auch in Laufställen leiden Rinder

Was in der Diskussion um die Anbindehaltung manchmal untergeht: Auch in Laufställen leiden viele Rinder. Gerade ältere Laufställe haben noch Betonspaltenböden, die die Hufe der Rinder ernsthaft verletzen können. Für die Verbraucher:innen ist es ohnehin am besten, entweder auf Milchersatzprodukte wie Hafermilch zu setzen oder aber auf eine möglichst lange Weidehaltung der Tiere zu achten. Diese ist nur auf Biohöfen sicher gegeben.

Es gibt also auch in Schleswig-Holstein, einem Land, zu dessen Symbolen ganz bestimmt auch die schwarzbunte Milchkuh zählt, noch eine Menge zu diskutieren, wie unsere Rinder gehalten werden.
Frank Behrens

Zurück