Schmachtenberg will „wolfsfreie Zonen“ an der Westküste

Schmachtenberg will „wolfsfreie Zonen“ an der Westküste

Ohne seriöse Grundlage: Wolf soll für Deichschutz bluten

Keine Nuitztierrisse am Deich und doch soll der Wolf an der Westküste bluten. Foto: Steve / Pexels

Vereinzelte Risse bei nicht vorhandenem Herdenschutz sollen das Argument liefern, den Wolf zu schießen – Artenschutz und wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz.

Landwirtschaftsministerin Cornelia Schmachtenberg (CDU) will „wolfsfreie Zonen“ an der Westküste schaffen. Sie nutzt damit formal eine Möglichkeit, die der Bund mit der umstrittenen Aufnahme des Wolfs in das Jagdrecht geschaffen hatte. Die Bundesregierung hatte mit diesem Beschluss den unter Artenschutz stehenden Wolf wieder jagdbar gemacht. Voraussetzung für sogenannte „wolfsfreie Zonen“ – im Klartext den Abschuss des Wolfes – ist eine wirtschaftliche Bedrohung durch den Wolf nebst Unzumutbarkeit von Herdenschutz aufgrund naturräumlicher Gegebenheiten.

Dies sieht die Ministerin an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste mit ihren Deichen und Deichschafen gegeben. Tierhalter litten enorm, wenn ihre Nutztiere gerissen würden, so Schmachtenberg: „Wenn dadurch immer mehr Schafhalter aufgeben“, wird sie in der Schleswig-Holsteinischen Landeszeitung zitiert, „hat das auch Folgen für den Küstenschutz. Wir brauchen die Schafe, um die Grasnarbe kurz und die Deiche sicher zu halten.“

Sandra Redmann: "Bei einem sensiblen Thema der falsche Weg"

Aus der Opposition gibt es Gegenwind. „Kaum hat die sitzungsfreie Zeit des Landtags begonnen, eröffnet die Ministerin über die Presse eine Debatte über einen grundlegenden Kurswechsel im Wolfsmanagement“, sagte die SPD-Umweltpolitikerin Sandra Redmann gegenüber dem Regionalprogramm von Sat1. Wer einen so weitreichenden Vorschlag mache, informiere zuerst das Parlament und suche das Gespräch mit den betroffenen Verbänden, statt die politische Debatte über die Presse zu eröffnen, sagt Redmann: „Das ist bei einem so sensiblen Thema der falsche Weg.“

Die Ministerin begibt sich mit ihrer Argumentation in der Tat auf dünnes Eis. Die Nordseeküste ist nicht Schwerpunkt der Wolfspopulation in Schleswig-Holstein. Der befindet sich im Landesinneren und verstärkt in den Kreisen Segeberg und Herzogtum Lauenburg. Zwei bis maximal drei Rudel soll es derzeit insgesamt geben (siehe auch Verbreitungskarte des NABU unten). Ein Rudel definiert sich als Paar mit zwei adulten Wölfen inklusive nachgewiesenem Nachwuchs. Nutztierrisse im Umfeld der Westküste durch den Wolf sind bislang die Ausnahme und weiterhin auf das Fehlen von Herdenschutzzäunen zurückzuführen, wie etwa zuletzt wiederholt in den Kirchlandspielgemeinden Eider. Direkt auf Deichen ist bislang kein Schaf von einem Wolf gerissen worden.

Ellen Kloth: "Unnötige Panikmache – Küstenschutz und Tierschutz müssen sich nicht widersprechen"

„Aus meiner Sicht ist das Vorgehen der Ministerin unnötige Panikmache“, sagt Ellen Kloth, Vorsitzende des Landesverbandes Schleswig-Holstein des Deutschen Tierschutzbundes. „Ich kann nur mutmaßen, wieso sie das macht. Deich- und Küstenschutz sowie Tierschutz müssen sich nicht widersprechen. Es gibt bessere Möglichkeiten als den Abschuss.“

In Niedersachsen, wo zuletzt die Landräte von Cuxhaven, Stade und Harburg „wolfsfreie Gebiete“ für den Deich- und Küstenschutz gefordert hatten, lehnte Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte (Grüne) genau dies ab. Ihre Begründung: Der Küstenschutz sei nicht durch den Wolf gefährdet und Herdenschutzhunde sowie Zäune seien geeignete Maßnahmen. Die Jäger dort wiederum hatten diese Schutzmaßnahmen als „nicht praktikabel" bezeichnet.

Das Argument der Jäger überzeugt nicht, denn es gibt durchaus eine Fülle möglicher Maßnahmen für den Herdenschutz auch an Nordseedeichen. Etwa zusätzliche mobile Elektrozäune, allgemein verstärkte Herdenzäune oder aber auch den vermehrten Einsatz von Rostgittern, die auch die Wölfe nicht gern beschreiten.

Wenn Cornelia Schmachtenberg sich jetzt auf die einfache Lösung zurückzieht, gegen jede wissenschaftliche Erkenntnis pauschale Abschussgenehmigungen für Wölfe in bestimmten Gebieten zu erteilen, wird sie sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, mehr auf Stimmungen denn auf Erkenntnisse zu setzen.

Und das kurz nachdem ihr Ministerium einräumen musste, dass das große Halali auf die Nutria – ebenfalls mit dem Argument des Deichschutzes – wenig mehr als Show und Theaterdonner war.
fb

Aktuelle Verbreitungsgebiete des Wolfs in Deutschland (Stand November 2025). Quelle: NABU

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