Nutztiere: Wann kommt das verbindliche Siegel?
Fast die Hälfte der Befragten misstraut aktuellen Kennzeichnungen
Während die staatliche Kennzeichnung ein weiteres Jahr auf Eis gelegt ist, fordern BUND und Deutscher Tierschutzbund die Zeit für deutliche Verbesserungen zu nutzen.
70 Prozent der Verbraucherinnen und Verbraucher wünschen ein einheitliches, staatliches Tierhaltungskennzeichen. Das ergab eine repräsentative, aktuelle Befragung von Civey im Auftrag des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) unter 2500 Bundesbürgerinnen und -bürgern über 18 Jahren.
BUND fordert den Dschungel der Kennzeichnungen zu lichten
Die Umfrage kommt in einer Woche, da die Bundesregierung die einheitliche Kennzeichnung von Schweinefleisch abermals um ein Jahr, bis zum Januar 2027, auf Eis gelegt hat. Der BUND kritisiert die unübersichtlichen „Siegel, Kennzeichnungen und Labels“, die oft nur Verwirrung stifteten und aus denen nicht klar hervorgehe, unter welchen Bedingungen die Tiere gelebt hätten. Dies bestätigt auch die Civey-Umfrage: 46 Prozent der Verbraucherinnen und Verbraucher misstrauen demnach den aktuellen Kennzeichnungen und Siegeln. Ein weiterer Kritikpunkt: das Fehlen jeglicher Kennzeichnung in der Gastronomie.
Die uneinheitliche Lage in Handel und Gastronomie zeigt auch immer wieder der Masthuhn-Report der Albert-Schweitzer-Stiftung für unsere Mitwelt. Zu den regelrechten Tierschutz-Verweigerern in diesem Bereich zählt ausgerechnet ein namhaftes Unternehmen aus Schleswig-Holstein: der Kieler Bela-Konzern (Famila, Citti, Markant, Steiskal).
Kritik am „Haltungsform“-Siegel
Der BUND kritisiert zudem das vom Handel geschaffene „Haltungsform“-Siegel der wesentlich von der Fleischindustrie getragenen „Initiative Tierwohl“. Es sei nicht staatlich kontrolliert und lediglich freiwillig. Eine übergreifende Kennzeichnung aller tierischen Lebensmittel sei damit nicht umsetzbar, argumentiert der BUND.
Entsprechend gespalten ist das Ergebnis der Umfrage hinsichtlich dieses Siegels: 42 Prozent der Befragten halten es für eine mehr oder weniger gute Orientierung beim Einkauf. Doch immerhin 35 Prozent widersprechen dem; 23 Prozent sind unentschieden.
Angesichts der weiteren Verschiebung der verbindlichen staatlichen Kennzeichnung fordert der BUND, wenigstens die gewonnene Zeit zu nutzen und das neue Label auf Gastronomie, weitere Tierarten jenseits der Schweine und auf verarbeitete Produkte auszuweiten. „Weitere Verzögerungen“ dürfe sich die Bundesregierung nun nicht mehr leisten.
Thomas Schröder fordert „mehr als kosmetische Korrekturen“
„Die Tierhaltungskennzeichnung verhilft keinem einzigen Tier zu einem besseren Leben“, gibt dazu Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, zu bedenken. Die Kennzeichnung solle Verbraucherinnen und Verbrauchern lediglich Orientierung bieten und aufzeigen, unter welchen Haltungsbedingungen die Tiere lebten, von denen das Fleisch stamme: „Orientierung allein schützt jedoch keine Tiere“, ergänzt Schröder: „Wenn Union und SPD die erneute Verschiebung nun mit dem Bedarf an einer grundlegenden Reform begründen, dann erwarten wir mehr als kosmetische Korrekturen.“