Kommt „Dithmarscher Geflügel“ aus Dithmarschen?
Tierrechtsorganisation Aninova dokumentiert lange Transportwege
„Dithmarscher Geflügel“ kommt offenbar nur zum Teil aus Dithmarschen. Dokumentiert sind vielmehr lange Transportwege zum Schlachthof in Brandenburg. Zudem ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Tierquälerei im Schlachthof.
Dithmarschen. Weite Ebene, Felder mit Grün-, Weiß- und Rotkohl. Von der nahen Nordsee weht der salzige Duft des Meeres herüber. Schafe auf den Deichen, dazu ein paar Hasen auf den Feldern und bei den Kohlbauern eine Handvoll freilaufende Gänse und Enten. So ist die Region im Westen des Landes wohl bei vielen Schleswig-Holsteiner:innen im Bewusstsein verankert.
Die bekannte Lebensmittelmarke „Dithmarscher Geflügel“ spielt mit diesen Assoziationen, verspricht ganz klar ein regionales norddeutsches Produkt. Das belegt auch die Website. Wer sie allerdings aufmerksam betrachtet, wird feststellen, dass der Betrieb „Lorenz Marken Geflügel GmbH & Co. KG“ nicht in Dithmarschen und nicht einmal in Schleswig-Holstein ansässig ist, sondern in Seddiner See, einer Gemeinde südlich von Potsdam im Berliner Speckgürtel und mithin im Bundesland Brandenburg.
Das Unternehmen hinter "Dithmarscher Geflügel" sitzt in Brandenburg
Die Nordsee, die Deiche und die Kohlfelder rücken hier schon ein wenig in die Ferne. Laut Website ist der Standort in Brandenburg bereits Anfang der neunziger Jahre, also kurz nach dem Zusammenbruch der DDR, errichtet worden.
Nach Recherchen der Tierrechtsorganisation Aninova werden die Gänse der Marke „Dithmarscher Geflügel“ heute ausschließlich in Brandenburg geschlachtet. Die Tiere kommen aus Brandenburg und Schleswig-Holstein, aber auch aus anderen Bundesländern. Das heißt, der Vorgang ist mit teilweise weiten Tiertransporten verbunden; allein zwischen Dithmarschen und Seddiner See liegen 400 Kilometer und mehr. „Dithmarscher Geflügel“ ist aus Sicht von Aninova entgegen erstem Anschein kein regionales Produkt.
Mehr noch: Die Tierrechtsorganisation warnt ausdrücklich vor dem Kauf von Produkten der Marke, denn bereits Ende 2025 hatte Aninova Bildmaterial aus dem Geflügelschlachthof der Lorenz Marken Geflügel GmbH & Co KG in Seddiner See veröffentlicht.
Tierquälerei im Schlachthof bereits 2025 angezeigt
Die Aufnahmen dokumentierten aus Sicht der Organisation gravierende Verstöße gegen den Tierschutz. Zu sehen war unter anderem, wie Gänse geschlagen und brutal misshandelt wurden. Die Veröffentlichung sorgte bundesweit für große öffentliche Aufmerksamkeit.
Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Potsdam gegen zwei Beschuldigte wegen der dokumentierten Vorfälle. Das Verfahren wird unter dem Aktenzeichen 463 UJs 20165/25 geführt. Auch das zuständige Veterinäramt hatte Strafanzeige erstattet.
„Die strafrechtlichen Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen. Solange die Vorfälle in diesem Schlachthof Gegenstand eines laufenden Ermittlungsverfahrens sind, sollten Supermärkte und Verbraucher:innen Verantwortung übernehmen“, sagt Jan Peifer, Vorstandsvorsitzender von Aninova: „Niemand sollte Produkte aus einem Schlachthof unterstützen, in dem derartige Misshandlungen von Tieren dokumentiert wurden und dessen Vorgänge derzeit strafrechtlich aufgearbeitet werden.“