Kommt der „Hundeführerschein“?

Kommt der „Hundeführerschein“?

Furcht vor Bürokratie bremst Tierschutz aus

Die Kommunalpolitik scheut den obligaorischen "Hundeführerschein". Foto: Chiemsee2024/Pixabay

Nach einem Beißvorfall in Neumünster schien im Sommer kurzzeitig die Einführung des obligatorischen „Hundeführerscheins“ in Schleswig-Holstein wahrscheinlich. Nun stehen dem Bedenken vor zu viel Bürokratie entgegen.

Die Einführung des obligatorischen Sachkundenachweises zur Führung von Hunden in Schleswig-Holstein ist einstweilen wieder in weitere Ferne gerückt. Ursprünglich hatten sich die bisherige Innenministerin Sabine Sütterlin-Waack (CDU) und der tierschutzpolitische Sprecher der Grünen, Dirk Kock-Rohwer, angesichts eines schlagzeilenträchtigen Beißvorfalls in Neumünster, bei denen im Sommer zwei Hunde zu Tode gekommen waren, für die Einführung des sogenannten „Hundeführerscheins“ ausgesprochen.

Im Sommer dafür, im Herbst dagegen

Auch aus den oppositionellen Landtagsfraktionen von SPD, SSW und FDP kam im Sommer Zustimmung. Sandra Redmann, die tierschutzpolitische Sprecherin der SPD, hatte das Thema nun als Expertengespräch auf die Tagesordnung des Umweltausschusses in Kiel gehoben.

Prompt nahm ihr Parteifreund Tobias Bergmann, Oberbürgermeister von Neumünster, den Wind aus den Segeln. „Wir sind nicht überzeugt, dass der Hundeführerschein die richtige Lösung für das Problem ist“, sagte er in der Ausschusssitzung am Mittwoch. Der bürokratische und finanzielle Aufwand sei zu hoch. Bei derzeit 5500 gemeldeten Hunden in Neumünster müsse er eine volle Stelle in der Neumünsteraner Verwaltung dafür einplanen. Ähnlich äußerten sich die in der Sitzung anwesenden Vertreter des Gemeindetages.

Den Vorschlag der Tierärztekammer, einen freiwilligen Sachkundenachweis einzuführen, eventuell flankiert durch hundesteuerliche Anreize, was Kock-Rohwer (Grüne) im Ausschuss „charmant“ fand, sieht Ellen Kloth, Vorsitzende des Landesverbandes des Deutschen Tierschutzbundes, skeptisch: „Ich kann da nicht wirklich auf die Vernunft der Menschen hoffen, leider habe ich andere Erfahrungen.“ Kloth wies insbesondere auf die seit Jahren kontinuierlich steigenden Abgaben von Hunden an Tierheime und die seit 2017 gleichzeitig steigenden Beißvorfälle in Schleswig-Holstein hin.

Tierschutzbund weist auf steigende Abgaben und zunehmende Beißvorfälle hin

Waren 2017 noch 217 Menschen von Hunden gebissen worden, waren es nach den Zahlen des Innenministeriums 2023 bereits 320. Im selben Zeitraum stieg die Zahl der erfassten Beißvorfälle unter Hunden von 179 auf 317. Die Statistik sei nicht nur Anlass zu handeln, sondern böte zugleich die Chance, die Wirkung einer obligatorischen Sachkundeprüfung zu evaluieren, argumentierte die Vorsitzende des Landestierschutzbundes: „Das haben andere Bundesländer noch nicht gemacht.“ Kloth spielte damit offensichtlich auf Niedersachsen an, das dies nach Einführung des verbindlichen „Hundeführerscheins“ 2012 versäumt hatte.

Statistik Hundeabgaben Tierheim Schleswig

Die Anfragen zu Hundeabgaben im Tierheim Schleswig steigen stetig. Grafik: Tierschutzverein Schleswig

Ellen Kloth räumte einen gewissen bürokratischen Aufwand ein, schlägt aber vor, Vermittlung und Verkauf von Hunden direkt an die Vorlage des Sachkundenachweises zu koppeln. Die Vorteile des Hundeführerscheins liegen für den Deutschen Tierschutzbund auf der Hand:

  • Verbesserung der Beziehungen zwischen Halter:innen und ihren Hunden
  • Entspannteres Verhalten von Hunden in der Öffentlichkeit sowohl gegenüber Dritten als auch gegenüber anderen Hunden
  • Daraus resultierend weniger Beißvorfälle
  • Weniger Abgaben von Hunden an Tierheime aufgrund von Überforderung
  • Finanzielle Entlastung der Kommunen

Nachdem sich Vertreter:innen von CDU, SSW und FDP im Ausschuss den Bedenken der Kommunen vor zu viel Bürokratie anschlossen, zeigte sich Sandra Redmann (SPD) „über die Diskussion erschüttert“. Jeder sehe nur seine Punkte, so Redmann, aber die bürokratischen Hürden seien zu überwinden: „Wir können nicht wie im Moment alle Probleme bei den Tierheimen abladen.“

Das Thema obligatorischer „Hundeführerschein“ ist auf Wiedervorlage. Eine zeitnahe Umsetzung erscheint derzeit unwahrscheinlich.

 

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