Die Causa „Timmy“
Was der Buckelwal in der deutschen Ostsee mit Tier- und Umweltschutz zu tun hat
Seit Mitte März hält ein Buckelwals in der Lübecker und Wismarer Bucht die Deutschen in Atem. Vieles an der Odyssee bleibt unklar. Doch klar ist: Fischernetze verbessern „Timmys“ Lage nicht.
„Wir können nicht in das Tier hineinschauen, aber es ist ungewöhnlich, dass es gestrandet ist. Normalerweise kommen Buckelwale in flachen Gewässern zurecht und stranden nicht versehentlich wie zum Beispiel Pottwale. Das ist ein Indiz dafür, dass es ihm nicht gut gehen könnte. Am Rücken können wir außerdem Hautveränderungen erkennen. Das könnte am niedrigeren Salzgehalt in der Ostsee liegen und ihn anfälliger machen für Infektionen. Noch dazu hatte er sich in einem Netz verfangen. Wir haben das größtenteils entfernen können, aber wir wissen nicht, wie es in seinem Maul und Verdauungstrakt aussieht.“
Das sagte der Büsumer Biologe Joseph Schnitzler vergangene Woche in einem Interview der Süddeutschen Zeitung auf die Frage, ob der Wal krank sei. Schnitzler war in Niendorf vor Ort und hat den etwa 15 Tonnen schweren Buckelwal, der von den Medien später den Namen „Timmy“ bekam, von außen untersucht. Und er macht klar: Vieles von dem, was von den Ursachen der Wal-Odyssee in der Ostsee berichtet wird, ist Spekulation.
Tödliche Gefahr durch Fischernetze
Keine Spekulationen hingegen sind, und auch das wird aus dem Interview mit dem Biologen klar, die Behinderungen und Verletzungen des Wals durch Fischernetze und Seile unbekannter Herkunft. Als er am Wochenende vor Ostern dann in die Wismarer Bucht schwamm, wurde ein weiteres, offensichtlich neues Netz an seinem Maul entdeckt, das wiederum nur unvollständig entfernt werden konnte.
Der Niendorfer Fischer Peter Dietze hatte dem NDR Schleswig-Holstein bereits vorher berichtet, dass er aus rund 50 Meter Entfernung „ein richtig dickes Seil“ um den Körper des Buckelwals gesehen habe: „Das sah aus wie eine Festmacherleine oder so. Das hat mit Stellnetzen nichts zu tun. Entweder ist das eine Leine vom Schleppnetz oder es könnte auch eine Ankerleine von einem Sportboot sein.“

Buckelwale in der Tiefsee. Foto: Charles J. Sharp - Eigenes Werk, from Sharp Photography, sharpphotography.co.uk, CC BY-SA 4.0
Eins wird aus diesen Schilderungen deutlich: Für unsere Meere, insbesondere auch ein Binnenmeer wie die Ostsee, sind die zahllosen Wirtschafts- und Freizeitaktivitäten nicht folgenlos. Im Klartext: Die Meere werden als Müllkippen missbraucht. Der Fall des Buckelwals „Timmy“ ist nur ein weiteres Argument, dieser Verschmutzung durch nicht verrottenden Kunststoff – aus dem Netze und Seile seit den 1960er Jahren hauptsächlich bestehen – endlich wirksam Einhalt zu gebieten. Sie schaden allen Meeresbewohnern und kosten sie nicht selten das Leben.
Gnadenlose Überfischung
Die Vermüllung der Meere steht in engem Zusammenhang mit einer gnadenlosen Überfischung und Ausbeutung der weltweiten Fischbestände. Die Welternährungsorganisation FAO schätzt, dass bereits 90 Prozent der natürlichen Fischbestände maximal ausgenutzt und überfischt sind. Die Fischerei bedient sich dabei immer drastischerer Methoden. Vor einem Echolot etwa kann sich kein Fisch mehr verstecken.
Riesige Grundschleppnetze, in die jetzt möglicherweise auch Buckelwal „Timmy“ geraten ist, schleifen über die Meeresböden und zerstören die dortigen Lebensräume. In den Tropen unter anderem auch Korallenriffe, was zugleich enorme Mengen an CO2 freisetzt. Und bis zu 70 Prozent des Fangs sind sogenannter „Beifang“, der verletzt oder tot zurück ins Meer geworfen wird. Überlebenschance fast gleich Null. Darunter sind neben Haien und Meeresschildkröten auch Delfine und andere Wale.
Auch Schweinswale und Kegelrobben sind gefährdet
In der Ostsee werden sowohl Schleppnetze und Reusen, aber auch Stellnetze genutzt. Obwohl das Entsorgen auf See eigentlich verboten ist, geraten immer wieder Netze aller Art ins Meer. Und führen ein zweites, zeitlich fast unbeschränktes Leben als sogenannte „Geisternetze“. Sie sind eine alltägliche Gefahr für viele Meeresbewohner, nicht nur einen verirrten Buckelwal wie „Timmy“. Etwa für die in der Ostsee heimischen, stark bedrohten Schweinswale, deren Bestand in der westlichen Ostsee seit 2016 drastisch von geschätzt rund 42.000 auf 14.000 Exemplare zurückging. Schweinswale sind eng verwandt mit dem Delfin.

In der Ostsee heimisch: Schweinswale. Foto: Ecomare/Sytske Dijksen - Ecomare, CC BY-SA 4.0
Insbesondere durch Reusen gefährdet sind Kegelrobben, von denen es in der Ostsee inzwischen wieder 38.000 Exemplare geben soll. Kegelrobben gehören wie die viel häufigeren Seehunde zur Familie der Robben, und wurden bis ins frühe 20. Jahrhundert in der Ostsee als unliebsame Konkurrenz gezielt durch Fischer ausgerottet. An der deutschen Ostsee gibt es nur eine kleine Kolonie bei Greifswald in Vorpommern; in der deutschen Nordsee gibt es vereinzelte Kolonien bei Juist (Niedersachsen), nahe Amrum und auf der Helgoländer Düne.

Seit jeher im Visier der Fischerei: Kegelrobben. Foto: Andreas Trepte - Eigenes Werk, CC BY-SA 2.5
Buckelwale kommen nicht an Land, um zu sterben
Warum Buckelwal „Timmy“ in der deutschen Ostsee gelandet ist, bleibt unklar. In die Ostsee gelangte er Anfang März möglicherweise auf der Jagd nach einem Heringsschwarm, wie Experten der Meeresschutzorganisation Sea Shepherd vermuten. Dass er gezielt zum Sterben kam, wie gelegentlich zu hören, verweisen Wissenschaftler wie Joseph Schnitzler ins Reich der Fantasie: „Ich bin kein Walflüsterer, niemand kann wissen, was in dem Tier vorgeht. Wir wissen aber, dass Buckelwale üblicherweise nicht an Land kommen, um zu sterben.“ Allerdings sind die Bedingungen in der Ostsee, insbesondere der geringe Salzgehalt und das damit vorhandene Nahrungsangebot, für einen Buckelwal unzureichend.
Ein bisschen Trost immerhin hat der Biologe für alle, die Anteil am Schicksal des Wals nehmen: „Bartenwale sind hart im Nehmen, ihre Überlebenschancen bei Strandungen sind viel höher als die von Zahnwalen.“ Ein Pottwal sterbe nach einer Strandung innerhalb eines Tages, bei Buckelwalen könne dies Wochen dauern.
Frank Behrens